„Das Leben ist kein Ponyhof“.

Ein schöner Spruch, um die Schwierigkeiten des Lebens bildhaft zu verdeutlichen, aber leider auch eine der Redensarten, die die Abhängigkeit und Passivität der Menschen schwer wiegen lässt.

Das hat mich immer gestört.

Deshalb an dieser Stelle eine kleine Ode an das Leben als Ponyhof. Und die Vorstellung davon, was anders wäre…

Das Wort „muss“ muss nicht mehr

In Sätzen wie „Ich muss jetzt gehen“ oder „Ich muss noch was einkaufen“ müsste sich das Wort muss nicht mehr als Ausrede vorgeschoben fühlen. Auf dem Ponyhof würde man sich damit auseinander setzen, warum man gehen oder einkaufen möchte. Und sich den Fragen stellen, die einem danach gestellt werden könnten.

Die Folgen: Mehr Selbstbestimmung. Klarere Prioritäten. Bewusstere Nutzung solcher Sätze und eines wohlwollenden Tones.

Denn ein „Ich möchte jetzt gehen, damit ich meinen Einkauf noch schaffe“ klingt per sé schon schwieriger… Das „muss“ würde sich ins Fäustchen lachen.

Wie Sie dorthin kommen können, erklärt der Artikel „Muss ich wirklich wirklich?„.

„Aus den Augen“ ist nicht mehr „aus dem Sinn“

Ich bin ein großer Freund vom Kontakthalten. Mindestens einmal im Jahr bekommen Freunde, Familie und Bekannte ein paar kurze Zeilen von mir. Mit ehrlicher Nachfrage, mit ehrlichen Wünschen.

Es ist für mich jedes Mal eine überraschend, wie groß die Freude über diese kleine Geste ist.
Vielleicht, weil es von mir nicht erwartet wird.
Vielleicht, weil ich von mir erzähle und somit eine kleine Brücke herstelle – sogar über die Distanz des Raumes.

Wie schön wäre es, wenn die Menschen genau dann den Hörer zum Telefonat, die 160 Zeichen zur SMS oder die Tastatur zur Email schwüngen, wenn sie an einen denken. Es gibt für jede Zeitspanne das passende Medium.

Die Folge: Auf den Satz „Ich habe neulich erst an dich gedacht und wollte mich melden!“ gäbe es die Gegenfrage „Warum hast du’s nicht gemacht?“ nicht mehr. Weil man sich melden würde.

Albernheit ist nichts, das einem Erwachsenen peinlich wäre

Haben Sie manchmal verrückte Gedanken im Kopf – wildes Kopfkino?

Stellen Sie sich Dinge vor, die gar nicht gingen und für Aufsehen und erschrockene Gesichter sorgen würden? Oder für ein abschätziges Kopfschütteln?

Bedeutet kindisch, dass es nur für Kinder ist und Erwachsene bei der gleichen kindischen Sache als verrückt, zumindest aber als ungehobelt und weltfremd gelten?

Wie häufig sagen wir nicht nein zu wirklich dummen Dingen?

Wie oft kommt es vor, dass wir nicht das tun, was wir gerade gerne tun würden, sondern zum Wohle der Allgemeinheit, der guten Manieren, des Anstandes einhalten?

Auf dem Ponyhof wären Kinder und Erwachsene frei, die Dinge zu tun, die ihnen Freude bereiten, bei denen ihre Leidenschaft liegt – egal, wie albern sie sein mögen.

Die Folgen: Mehr Lachen, mehr Kreativität, viele Überraschungen und weniger Fassade.

Alte sind keine Bürde, sondern eine Ressource

In vielen Wildvölkern werden die Alten der Stämme hoch verehrt. Als Schamanen, als Ärzte, als Ältestenrat der Gemeinde.

Überraschenderweise sind viele dieser Alten nicht senil, durcheinander und alleine hoffnungslos verloren. Ihnen wird Respekt entgegen gebracht, ihre Meinung wird geschätzt und erfragt und sie haben bis ins hohe Alter eine Aufgabe.

Bei uns gibt es mehr Greise als Weise und viele der brillantesten Köpfe gehen – einmal abgeschoben in ein Altersheim – wie eine welke Blume zugrunde. Wir lächeln noch milde, bedauern diese Gestalten und sehen in Gedanken wieder den Job, die Einkaufsliste oder im besten Fall uns – in genau diesem Alter an genau dieser Stelle.

Als Pflegefall.

Auf dem Ponyhof wären die manchmal schläfrigen Alten erfahren, weise und eine echte Ergänzung für die ungestümen Jungen.

Die Folgen: Wir würden viel mehr fragen und könnten stärker voneinander lernen. Die alten Weisen würden für das respektiert, für das sie stehen: für ein Leben voller Erfahrungen.

Aus einer anderen Zeit. Und aus der jetzigen Zeit.

Schlaf ist mittags möglich

Kinder sträuben sich vor dem Schlafengehen und möchten weder mittags ein Päuschen machen, noch abends früher als die anderen ins Bett. Es macht keinen Unterschied, ob sie Müdigkeit fühlen oder nicht.

Schwank aus der Jugend: als kleiner Junge lief ich die Stunde, die ich Mittagsschlaf halten sollte, im Kreis in meinem Zimmer umher, um mich kurz vor der Rückkehr meiner Mutter wieder ins Bett zu legen und die Äuglein zu schließen, bevor ich wieder „wachgeküsst“ wurde…

In der Arbeitswelt sieht es nicht anders aus. Hier ist der Wunsch nach einem Nickerchen im Anschluss an das Suppenkoma zwar vorhanden, ihm wird aber trotzdem nicht beherzt nachgegangen.

Zeitverschwendung?

Es scheint deutsche Mentalität, lieber beschäftigt auszusehen als wirklich effektiv zu sein. Umso verpönter ist die Vorstellung, sich mittags nach dem Essen oder zwischendurch für ein paar Minuten hinzulegen, um Energie zu tanken.

Hand auf’s Herz: jeder hat seine Hoch- und Tiefphasen und wer noch nie einen dummen Fehler aufgrund von mangelnder geistiger Frische gemacht hat, werfe jetzt den ersten virtuellen Stein.

Die Folgen: Zwanzig Minuten „Augenpflege“, ohne in die Tiefschlafphase einzutauchen, erhöhten die Konzentrationsfähigkeit, die Motivation und würde sogar Bauchentscheidungen erleichtern (sagt Todd Maddox aus Austin, Texas in seiner Studie).

Nach regelmäßigen Nickerchen wäre das Energielevel höher und Gereiztheit wäre seltener (zumindest bei mir).

Daniel Rettig zeigt hier weitere interessante Fakten über Schlaf auf.

Vergleiche sind überflüssig, weil jeder seine Stärken für andere einsetzt

Kooperation statt Konkurrenz – das wäre das Motto, nachdem auf dem Ponyhof gelebt würde. Wie jedes Tier seine Stärken hat (siehe auch die Fabel der Tierschule), ist ebenso jeder Mensch mit zahlreichen ausgestattet. Natürlich nicht unbedingt in den Feldern, die – z.B. bei der Arbeit – anstehen.

Gleichwohl achtete ein jeder darauf, die Stärken der anderen zu fördern, zu nutzen und wertzuschätzen. So können selbst jene, die un- oder außergewöhnliche Fähigkeiten besitzen, ihren Beitrag leisten.

Die Folge: Vergleiche wären überflüssig, denn sie brächten außer Selbstbeweihräucherung keinen nennenswerten Vorteil, den unterstützendes Verhalten und Hilfe der und für die Nachbarn nicht gleichfalls zeigte.

Wertvoller Besitz: innerer Reichtum

Da durch fehlende Vergleiche die Fehlannahme verschwände, dass derjenige mit den meisten Spielzeugen am glücklichsten stirbt, wären materielle Besitztümer nichts mehr, wonach man streben wollte.

Für den Alltag erleichternde Dinge wären untereinander in Gebrauch, würden verliehen und sorgsam gepflegt wieder zurückgegeben. Überflüssiges hätte keinen Platz und keine Wichtigkeit. Und wer sich die Frage „Ist das wirklich notwendig?“ stellt, wird mit ziemlicher Sicherheit die eine oder andere Anschaffung umgehen.

Die Folge: Reichtum wäre definiert durch das, was glücklich macht – die Fähigkeit zu positiven Emotionen (und diese bei anderen herzustellen), zum Anpacken und Helfen, zum Eingehen und Pflegen von menschlichen Beziehungen und Freundschaften.

Jeder würde Reichtum generieren. Nämlich, indem er und sie für jeden anderen Sinn stiftete.

Probleme wären noch nicht erreichte Ziele

Jeder von uns hat Probleme.
Jeder von uns hat Wünsche.
Erfahrungsgemäß die, dass die Probleme aufhören sollen.

Letztendlich sind Probleme noch nicht erreichte Ziele. Und Ziele zu haben, ist keine schlechte Sache (welche Ziele, das steht auf einem anderen Blatt).

Die Folge: Lösungsorientiert wäre das Zauberwort. Es gäbe keine Schuldzuweisungen und Fehler würden genutzt, um zu lernen, zu wachsen und bestimmte Dinge in Zukunft besser zu machen. Ich rede nicht von „Herausforderungen“. Ich spreche von der Selbstverständlichkeit, dass nicht alles läuft, wie man es gerne hätte. Noch nicht einmal auf (m)einemPonyhof.

Aber daran kann man ja arbeiten.
Schon jetzt.

Dieser Artikel ist Teil von Jannis‘ Blogparade „Wovon sollen wir träumen?“ auf seinem Blog Schmerzwach.

Foto: Ken’s Oven

Literatur

Maddox, W. T., Glass, B. D., Wolosin, S. M., Savarie, Z. R., Bowen, C., Matthews, M. D., & Schnyer, D. M. (2009). The effects of sleep deprivation on information-integration categorization performance. Sleep, 32(11), 1439.

Das Leben ist ein Ponyhof

von Michael Tomoff Lesezeit: 5 min
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